Gesellschaft

Fremdschämen ist ein Teil der sozialen Medien geworden

Lesen Sie Ihre Zeitung noch in gedruckter Form oder nutzen Sie bereits einen tragbaren Computer? Die Vielfalt der Medien jedenfalls lässt allerhand zu. Buchinhalte landen immer öfter in sogenannten E-Book-Readern, der moderne Mensch blättert nicht mehr, er wischt über den Bildschirm. Medienprofis verlinken ihre Magazine mit dem iPad. Die jüngste Theaterrezension lassen sich Kultur-Enthusiasten auf ihren Tablet-PC schicken – immerhin müssen wir froh sein, dass überhaupt noch gelesen wird.

Ich selbst bin den neuen Medien gegenüber durchaus aufgeschlossen, aber meine Tageszeitung am Frühstückstisch, die will ich schon noch rascheln hören, da dürfen sich auch mal ein paar Brotkrümel tummeln oder zarte Kaffeeflecken durchscheinen. Wir reden noch miteinander, meine Frau und ich: „Nimmst du zuerst den Lokalteil? Ich schau mal auf die Rheinhessenseite.“

 

Das Frühstück bei meinen Eltern muss sogar bühnenreif sein. Sie lieben es, ihre Emotionen unmittelbar auf der Zeitung auszuleben und Kommentare – mal kleinteilig, mal großflächig – direkt hineinzuschreiben, ins Blatt, eine Art prähistorisches Facebook für zwei. „So ein Idiot“ steht da, direkt neben einem Ausrufezeichen. Eine Zeile ist unterkringelt. Am Rand steht: „Endlich sagt’s mal einer“. Die Ergebnisse bekomme ich dann beim gelegentlichen Wochenendbesuch ausschnittsweise vorgelegt. Manchmal sind die handschriftlichen Anmerkungen umfangreicher als der eigentliche Artikel, und manchmal sogar interessanter.

 

Ich würde diese Form der interaktiven Tageszeitung schon vermissen. Aber vielleicht sitzen wir irgendwann tatsächlich alle mal mit dem Bildschirmen vor der Nase am Tisch, während wir in unser Butterbrot beißen. Es ist eine Generationenfrage. Heute postet man Kommentare auf Facebook. Klickt „Gefällt mir“. Teilt Inhalte. Twittert Belanglosigkeiten in die Welt. Mitunter liest man Bemerkungen, die der Schreiber oder die Verfasserin besser in den eigenen vier Wänden auf die Zeitung notiert hätte. Fremdschämen ist ein Teil der sozialen Medien geworden.


Macht Werbung für verbale Abrüstung

Wann genau fing es eigentlich an, dass aus einem Blödmann ein Dreckschwein wurde? Dass man statt Kopfschütteln über die Aussage des Bundesfinanzministers, ihn „am liebsten aus seinem Rollstuhl treten möchte“, so ein Zitat aus einem Facebook-Kommentar. Politiker werden gemobbt. Gastronomen auch. Andersdenkende attackiert. Aus Solidaritätsbekundungen werden Hass-Tiraden, die man allenfalls von starrköpfigen Dumpfbacken einiger Ultra-Fußballfans kannte. Wie wäre es mal mit einer verbalen Abrüstung. Die deutsche Sprache hat deutlich mehr zu bieten.

Meine optimistische Grundeinstellung flüstert mir ins Ohr, dass derlei Entgleisungen noch immer die Ausnahme sind. Die meisten Menschen posten possierliche Pandabären, träumen von Sonnenuntergängen, stranden am Strand mit kühlen Cocktails oder teilen Videosequenzen, die herzerfrischend komisch sind. Andere missionieren für Vereine, für ihren Glauben, für ihre Heimat oder für ihre ganz persönliche Sicht der Dinge.


Facebook muss keineswegs die schädliche Plattform sein, für die sie manche halten, Facebook kann in der Tat auch über kleine und große Distanzen soziale Netzwerke knüpfen oder am Leben erhalten. Facebook gibt einsamen Menschen ein Fenster in eine schier endlose Welt. Facebook kann alles sein oder auch nichts.


In jedem Fall wünsche ich mir etwas weniger Hemmungslosigkeit, in jeder Hinsicht. Mal zwei Minuten nachdenken, bevor man losbraust. Es ist flüchtig, das Medium, aber es nährt mitunter  Nachahmer, die auf der falschen Seite stehen. Wehret den Anfängen. Macht Werbung für verbale Abrüstung. 

 

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