Mibos Reise Blog: Mit dem Fahrrad nach Zeeland

Radnotizen Teil 1: Immer am Rhein entlang

Mit dem Fahrrad von Bodenheim nach Zeeland. 520 km. So die Prognose. Einfache Fahrt. Ein schweres Stück Arbeit liegt vor uns. In jedem Fall eine stramme Strecke für stramme Waden. Die Losung der ersten Tage lautet: Immer am Rhein entlang. Durch herrliche Obstplantagen, vorbei an endlosen Schrebergärten, mal wohlsortiert, mal dschungelgleich, mal Rockerclub, mal Liebeslaube. Wäre vielleicht mal interessant: die Sozialgeschichte deutscher Schrebergärten. Beim Vorbeihuschen bewundern wir Werke kasachischer Künstler versteckt hinter Hecken und Holunderbüschen (aber vielleicht kommen sie auch aus Oberwesel, die Künstler nicht die Hecken). Wir staunen über quietschgelbe Badelatschen und Adidashosen - aus der Zeit der Fußballnationalmannschaft von 1974 - armfreie Unterhemden mit Senf-Flecken. Und diejenigen, die da drin stecken, bewegen sich in Zeitlupe unter windschiefen Birken ganz langsam zwischen Bierkisten und Webergrill. Nach den Schrebergärten tauchen winzige Strände auf. Zwischen Buten und Binnen erleben bierbäuchige Bootsbesitzer den kleinen Badeurlaub zwischendurch. Die Gedanken rollen wie unsere Räder. Zum Glück rollts überwiegend bergab. Weniger Glück hatte Sabine. Schon bei Freiweinheim  wurde sie von einer Biene am Auge gestochen. Kurzfristig sah sie aus wie Regina Halmich nach der 6. Runde. Inzwischen ist wieder alles auf Abschwell-Kurs. Kurzer Stop in Bingen. Zunächst im Zollamt ein Süppchen geschlemmt und die Zitrone für Sabine Auge aufgetankt. Danach Hildegards Kräutergarten besichtigt. Sie hat viel mit Wein geheilt, das beruhigt. Ysop (noch nie von diesem Kraut gehört) eingelegt in Weißwein tut Kopf, Lunge und Magen gut. Kann nirgendwo Ysop finden, verordne uns daher Riesling pur. Funktioniert sehr gut. Hilft bestimmt auch gegen Bienenstich. So kurz vor der Einfahrt ins Mittelrheintal wachsen die heilenden Reben reichlich. In Bacharach stehen schräge Sprüche an jeder Häuserwand. Unser Favorit: Halte im Gedächtnis wach, wundervoll ist Bacharach. Heinrich Heine würde weinen, was ist bloß aus dem Land der Dichter und Denker geworden. Wir trinken noch mehr Riesling. Wegen der Heilkräfte. Und übernachten im Hotel gelber Hof. An der Häuserwand steht nur noch elber of. Mehr muss man zu dem Hotel nicht sagen. Wir speisen lecker im besten Haus am Platz "Strübers Restaurant". Tolle Karte. Lohnt sich, wenn man mal in der Nähe ist. Die Bedienung ist irgendwie nonchalant. Schlafen trotz Hitze einigermaßen gut. 
Bei der Loreley haben wir gesungen und gedacht: Mensch, ist der Campingplatz hässlich. Ein Päuschen wert ist Boppard. Hier finde ich in einem 1-Euro-Laden einen Trägerriemen für meine Lenkertasche. Sabine vollbringt ein Wunder, obwohl wir keinen Platz mehr in unseren Satteltaschen haben, kauft sie sich ein Kleid und findet tatsächlich noch Stauraum. Wundervoll und sehenswert ist Sayn am Rhein. Idylle pur. Kühe grasen auf Auenweiden. Geschickt weichen wir zwei Bremsen aus, bremsen kurz für ein Foto und fahren euphorisiert nach Koblenz. Unser Aufstieg zu Fuß auf Schloß Stolzenfels bringt uns die Erkenntnis: montags haben nicht nur Museen geschlossen. Es schüttet als wir vor dem Tor stehen. Sabine singt sich die Seele aus dem Leib, über Sonne, über Regen, auf Deutsch und auf Englisch. Aber weder stürzen die Mauern ein, noch findet sie beim Burgherren erbarmen. Aber der Himmel zeigt Gnade. Nach 40 Minuten, geschützt unter einem Mauervorsprung, treten wir die Weiterreise an. Sehr schöner Fahrradweg in die Stadt Koblenz. Ankunft bei Kilometerstand 111. Die Meenzer halt. Auch die Altstadt hat sich gemausert. Bevölkerte Plätze wohin man schaut und geht. Wir nehmen Platz im Hotel Kornpforte. Normalerweise buchen wir ohne Frühstück. Aber hier sollte man unbedingt mit buchen. Sensationell und das für fünf Euro. Erwähnenswert ist noch der Zigarrenladen Pipe und die Cigarbar. Bei einer Montechristo lerne ich den herrlichen Rum "Pussers" kennen, genant Nelsons blood. Jetzt sind es nur 380 km bis Zeeland. Ein schönes Gefühl. Immer an der frischen Luft. Man entdeckt alt bekannte Stätten aus neuer Perspektive und das ganze Hab und Gut in zwei Satteltaschen.
Wird fortgesetzt. 

Radnotizen Teil 2: Von Rheinländern mit Menschenkenntnis 

Koblenz am Morgen. Na gut, das klingt jetzt nicht nach Paris. Aber immerhin haben wir es aus eigener Beines-Kraft erobert. Das erste Geräusch, das uns weckt, stammt von einem Wagen der Müllabfuhr. Auch die Straßen sind sehr sauber. Ziemlich reinlich, die Koblenzer, denke ich. Man nennt sie wahrscheinlich auch deswegen Reinländer. Als sich die Geruchswolken verziehen, entdecke ich strahlendblauen Himmel und - sollte ich es noch nicht erwähnt haben - ein klasse Frühstück im Hotel Kornpforte. Wir sind früh auf den Beinen. Und radeln mit vollem Gepäck durch das fast menschenleere Koblenz. Vorbei am schönen Rathaus. Und ich muss sagen, es gefällt mir besser als das Mainzer, aber das ist eine andere Geschichte. Apropos Geschichte, da steckt auch viel rheinland-pfälzische Geschichte drin, in dem Rathaus. 1947 fand hier - und nicht in Mainz - die konstituierende Sitzung des ersten rheinland-pfälzischen Landtags statt und die Wahl des ersten Ministerpräsidenten. Guck mal da die Koblenzer, die wollten sogar Landeshauptstadt werden. 

Im Innenhof des Rathauses überrascht uns der speiende Schängel. So ein Frechdachs. Ein Wasser spuckender Junge. Symbol für die Lebensfreude der Koblenzer, sagt man. In jedem Fall erfrischend, bei heißem Wetter. Wir fahren weiter bis zum deutschen Eck. Hier geht's weniger um Lebensfreude, eher um Kaiserverehrung, da, wo die Mosel in den Rhein reinfließt. Eine Art Koblenzer Wacht am Eck. Oben die Festung Ehrenbreitstein. Unten der alte Kaiser Wilhelm hoch zu Ross. Am deutschen Eck treffen wir zwei Holländer, ein französisches Ehepaar, sechs Japaner und eine englischsprechende Reisegruppe. Ihr Reiseleiter heißt William. Wie das Leben so spielt. 
Unsere Route führt uns raus aus Koblenz. Und mitten durchs Industriegebiet. Ohje. Vorbei an Mülheim-Kärlich. Bis Andernach hängen wir besser den Mantel des Schweigens über die Strecke. Es wirkt alles sehr trostlos. Kein Wunder, dass die noch nicht mal ihr Kernkraftwerk zum Laufen bekommen haben. Hinter Andernach wird´s wieder schön. Wir fahren durch wilde Wiesen, bunte Wiesen, grüne Wiesen. Kornfarbene Felder. Durch Buchenalleen und über hölzerne Brücken. Einige Dörfchen haben knufflige Rheinufer-Anlagen, andere haben sich als Landschaftsgestalter den Bauleiter des örtlichen Betonmischwerks sichern können. Wer Neuwied vom anderen Ufer aus betrachtet, sollte sich vorher eine sehr, sehr dunkle Brille aufsetzen.
In Bad Breisig machen wir eine Salatpause. Eine ansprechende Ufer-Anlage und wir senken den Altersdurchschnitt deutlich. Begleitet werden wir immer noch von Sabines Bienenstich, der täglich seine Farbe ändert. Zum Glück hat sie zu jeder Farbe ein passendes T-Shirt dabei. Erstaunlich was man in zwei Packtaschen verstauen kann. Je mehr wir uns Bonn nähern, umso parkähnlicher werden die Radwege. Die haben offensichtlich einen Großteil des Hauptstadt-Ausgleichsfonds in ihre Fahrradinfrastruktur gesteckt. Schön für uns. Auch die Vorgärten werden vornehmer. Einige sind so gepflegt, dass sie ihr Grundstück mit Stacheldraht sichern. Wer macht denn so was? Im Bonner Zentrum fahren wir schnurstracks zur Tourist-Info. Sabine wartet draußen. Die Dame am Schalter durchleuchtet mich mit ihren blauen Augen wie ein Ganzkörperscanner am Flughafen. Ihr jahrzehntelang geschulter Blick fällt innerhalb von wenigen Sekunden ein fachfrauisches Urteil. Dieser Mann hat kein Geld, denkt sie, und bietet mir eine Nacht in der Jugendherberge an. Ich protestiere. "Machen Sie sich keine Gedanken", beruhigt sie mich, "da steigen viele in ihrem Alter ab". Ich wechsel das Thema und frage nach einer Restaurantempfehlung. Ohne zu zögern, antwortet sie: "Nur wenige Meter von der Jugendherberge entfernt, ist ein Thai-express, 6,90 Euro. All you can eat". 
Und das mir - dem Gastwirtschaftsprüfer. Erst im Spiegel bemerke ich, wie derangiert ich aussehe: unrasiert, das graue Shirt voller Fliegen. Die Ärmel hochgekrempelt wie ein Bauarbeiter. Ich beuge mich zu der Dame vor und zwinker ihr zu: "Ich bin der Rikschafahrer eines wohlsortierten Ehepaares, die suchen ein nettes Hotel, mittlere Preisklasse". "Günnenig", erwidert sie. Ich antworte höflich "Gesundheit". "Nein, das Hotel heißt Günnenig, ist gleich hier um die Ecke". Tja, es geht doch nichts über gesunde Menschenkenntnis. 

Radnotizen Teil 3: Von der Nord-, Süd-, Alt- und Neustadt

Die Bonndeshauptstadt ist mächtig mit Baustellen gepflastert. Auf dem Bonner Münsterplatz sieht es aus, als hätte ein Schüler von Christo probeweise einige Häuser eingepackt. Selbst Beethoven scheint wirr seine Mähne schütteln zu wollen. Die Fußgängerzone hat die Anziehungskraft eines Abgeordnetenhauses. Irgendwie ist alles da, aber irgendwie auch ganz schön langweilig. Die Restaurants auf den reichlich vorhandenen Plätzen locken viele Gäste an, aber gemütlich wirkt es nicht - zumindest nicht auf uns. Es mutet eher wie Massenabfertigung an. Wir suchen die Altstadt. Und finden Sie jenseits der Fußgängerzone. Zur Sicherheit haben die Anwohner ein Banner über die Straße gespannt: Altstadt. Ich frage scherzhaft einen Fußgänger: Ist das hier die Altstadt?

"Nö", antwortet er lakonisch, "dat is die Nordstadt, genau genommen der Südteil der Nordstadt. Die alte Altstadt liegt ganz wo anders, aber die jibt es schon seit dem Krieg nicht mehr. Vor ein paar Jahren kamen dann die geschäftstüchtigen Nordstädter auf die Idee, ihren Stadtteil Altstadt zu nennen, weil immer mal wieder Touristen nach der Altstadt gefragt haben. Und seit dem hängt hier dat Schild." Ich muss plötzlich an Obelix denken: Die spinnen, die Bonner. Wie auch immer. Um jetzt für komplette Verwirrung zu sorgen: Also uns erinnert der südliche Teil der Nordstadt, genannt Altstadt, ein bißchen an die Mainzer Neustadt. Viele alte Häuser, verwinkelte Gassen und nette Kneipchen. Wir speisen im San Telmo spanisch, sitzen bei angenehmen Temperaturen draußen und lauschen zwei zahnlosen Straßenmusikern, die Commandante Che Guevara spielen. Am nächsten Tag gibt's Kultur pur. Wir gehen in die Bundeskunsthalle. Karl Lagergeld hat es tatsächlich ins Museum geschafft. Auch für Männer interessant. Überraschend die Installation von Petrit Halilaj. Ein Künstler aus dem Kosovo, der nach dem Krieg in seine Heimatstadt zurückkehrte und das Naturkundemuseum suchte. Das Gebäude war zerstört. Er fragte, wo die so toll präparierten Tiere hingekommen sind. Niemand wollte ihm Auskunft geben, bis er sie in einem vergammelten Depot entdeckte. Schränke, Vitrinen zerstört und alle Tiere verschimmelt. Er hat darüber ein kleines Video gedreht und eine beeindruckende Installation aufgebaut. Die Tiere hat er nachgeformt. Sehenswert. Nach dem Museum schnüren wir unser Rad und fahren gen Köln. Am Anfang geht es noch schön am Rhein lang. Plötzlich tauchen die ersten riesigen Pipelines auf, die gut zehn Meter über uns quer über die Straße laufen. Es folgen gewaltige Rohrbrücken. Durch die Bäume sieht man Silos und ein unfassbar komplexes Wirrwarr von Leitungen, Pumpen und Tanks. Wir sind in Wesseling und müssen landeinwärts mitten durch einen nicht enden wollenden Chemiepark. Nach gefühlten zwei Stunden kommen wir endlich wieder an den Rhein und erobern Köln. Nach meiner Erfahrung mit Tourist-Infos suchen wir uns diesmal die Übernachtung  via Internet bei einem Gläschen Kölsch in einer Kneipe am Rhein sitzend. Und finden den Wasserturm. Ein echt abgefahrenes Hotel in einem umgebauten Wasserturm. Riesige hohe Räume. Wow. 
200 km haben wir schon hinter uns und spüren nun schmerzhaft unsere Sitzhöcker. Vor fünf Tagen wusste ich noch nicht mal, dass ich Sitzhöcker habe. Sabine hat glücklicherweise Hirschtalg dabei, den ich mir auf die wunden Stellen schmiere. Erst danach lese ich mir die Beschreibung auf der Packung durch. Zum Schutz vor Schwielen und Hornhaut. Wirkt auch gegen Fußschweiß. 

Radnotizen Teil 4: Bunt. Schwarz-weiß. Alles geht. 

Sie liegen uns einfach die Kölner. Sie essen lecker. Sie trinken gerne und bei schönem Wetter sitzen sie am liebsten draußen. Gut. Die Biergläser sind etwas klein. Und von Wein haben sie keine Ahnung. Aber ansonsten macht es Spaß hier. Wir mögen die Altenburger Straße und das belgische Viertel. Wir frühstücken bei Miss Päpky. Essen mittags bei Massimo und abends in "Metzgerei & Salon Schmitz" in der Aachener Straße. Cool. Hier sitzen Studenten neben Omas. Trinken Cocktails und ein Kölsch. Essen Essen aus der nebenan liegenden Metzgerei. Alles geht. Zwischendurch Kultur. Wirklich beeindruckend: Museum Ludwig. Die haben einfach alles. Picasso, Beckmann, Kirchner, Kandinsky, Otto Dix, Macke. Allein die Sammlung Haubrich sprengt alle Vorstellungskraft. Und das war mal entartete Kunst. Die Epoche sollte nicht als Deutsches Reich in die Geschichte eingehen, sondern als Deutsches Arm. Zum krönenden Abschluss noch ein Varietéspektakel  im Senftöpfchen, sozusagen das Kölner Unterhaus. Eine liebenswert Vorstellung, eben Kleinkunst. Am nächsten Tag schwingen wir uns auf die Räder und verlassen den Rhein bei Neuss. Was mir auffällt als laienhafter Ornithologe. Die Vogelwelt am bedeutendsten Binnenfluss Europas präsentiert sich vor allem schwarz-weiß. Kormorane und Möwen. Raben und Schwäne. Bunt geht anders. Das zeigt sich allenfalls im Kölner Stadtleben. Ich mutmaße, wenn die Kölner über die Homoehe abstimmen dürften, wäre das ne eindeutige Entscheidung. Jedenfalls erlebe ich erstmals, dass mir ein Mann hinterherpfeift. Ich dachte noch, an meinem Rad wäre was kaputt. Aber der Kerl hat, laut Sabine, wo ganz anders hingeguckt. Na gut, über unser Radlerhosen sag ich jetzt erstmal nichts. Hinter Neuss kommt Karst und wir sehen die erste Windmühle. Wir radeln durch Kleinenbroich, Korschenbroich, das liegt in der Nähe von Grevenbroich, aber ein Tagblatt haben die hier nicht. Bei Schloß Rheydt legen wir einen kurzen Zwischenstopp ein und schlemmen hausgemachte Bionudeln. Irgendwie spür ich wieder meine Sitzhöcker. Zum Glück ist es nicht weit bis Mönchengladbach. Das Wetter verfinstert sich. Ich war noch nie in Mönchengladbach. In einem Anfall von Leichtsinn suche ich das Tourist-Office auf. Besser gesagt, versuche es. Aber jeder, den wir fragen, und jede, die wir fragen, schaut uns an als hätten wir uns nach dem Yeti erkundigt. Wir finden weder das Tourist Office noch den Yeti. Ein Gladbacher schickt uns in ein Reisebüro. Früher, gesteht uns dort die reiseauskunftsfreudige Dame, sei hier auch das Tourist-Office gewesen, aber die Stadt habe die Gelder gestrichen. Daher könne sie mir nichts sagen. Sie zeigt mir einen Hotelprospekt. "Aber anrufen können wir nicht für Sie". Ich frage, welche Hotels denn in der Innenstadt seien. Der folgende Dialog zwischen ihr und ihrer Kollegin hier nun ungekürzt. "Dat Best Western. - Ne, das war doch früher das Holiday Inn. Ich mein das vorne, wie heißt das noch. - Das blaue mit den grauen Fenstern. Jedenfalls leicht zu finden. Vorne rechts, dann links. - Nee, ruft die Kollegin, gerade aus, dann rechts. - Quatsch da geht's zum Novotel. Das wurde umbenannt. Heißt jetzt, Gott, wie heißt das noch? Ich geb Ihnen mal diesen Prospekt mit. Kostet aber 1 Euro Bearbeitungsgebühr."

Ich schaue auf den Prospekt: "Aber da steht doch noch Best Western. Sagten Sie nicht gerade..."
Sie schaut mich irritiert an: "Also einen neueren Prospekt haben wir nicht. Wenn Sie sich beschweren wollen, müssen Sie sich an die Stadtverwaltung wenden." Ich schüttel den Kopf: "Vielleicht such ich dann doch lieber nach dem Yeti." Die beiden Damen schauen sich an: "Yeti? Ist das das frühere Ibis? - Nein, das war das Crown. - Du meinst das Best Western."  
Ich drehe mich kopfschüttelnd um. Wie gut, dass deren Fußball-Trainer nicht aus Gladbach kommt. Und wahrscheinlich musste der nie in einem Hotel wohnen. Wir finden schließlich via Internet das Hotel Rosenmeer. Es ist das einzige, das sie nicht erwähnt haben und nur 600 Meter entfernt ist. Ich schau noch mal schnell auf die Wetter App für morgen. Oha. Orkanartige Böen. Bis 110 km/h Geschwindigkeit. Astbruch-Gefahr. "Halten Sie Türen und Fenster geschlossen und gehen Sie keinesfalls auf die Straße", steht da als Unwetterwarnung. Und wenn morgen die Sintflut einsetzt, denke ich mir, wir bleiben keinen Tag länger in Gladbach. "Was sagt denn die Wetter-App?", fragt mich Sabine. "Och ja. Es geht. Morgen könnte es etwas nieseln. Wir sollten vielleicht die Regenjacken griffbereit halten".


Radnotizen Teil 5: Ungewöhnliche Einblicke

Smartphone und Radfahren, das kann ganz schön hilfreich sein. Wir verwenden das iPhone als Navi. Die App, die ich dafür nutze, heißt komoot (ist zwar kostenpflichtig, aber die Investition lohnt sich) und sucht tolle Strecken raus. Sabine ist sich da nicht immer so sicher, vor allem, wenn wir mal an einer Straße lang müssen, was zum Glück selten vorkommt. Ich checke noch mal das Regenradar, wegen des angekündigten Unwetters. Auch dafür gibt es eine App. Funktioniert fast auf die Minute. Noch regnet es. Wir warten eine Viertelstunde, dann sollte es für fast zwei Stunden regenfrei sein. Und siehe da, es stimmt. Der Weg führt uns Richtung Viersen. Am Anfang geht es leider noch an Straßen entlang, doch dann stoßen wir auf einen Dammweg. Der Wind nimmt deutlich zu. Die Wolken bauen dramatische Himmelsbilder. Ein holpriger Weg, aber wenigstens keine Straße. Plötzlich geht mir die Luft aus. Besser gesagt meinem Hinterreifen. Oh je. Und laut Regenradar wird es in zwanzig Minuten losgehen. Es pfeift schon mal ordentlich. Ich schau auf den Navi. Wir sind nur wenige hundert Meter von einer Ortschaft entfernt. Wir marschieren forschen Schrittes. Gegen Wind und Wetter. Nach zehn Minuten begegnen wir der Zivilisation in Form eines Spaziergängers samt Hund. Wir fragen ihn nach einem Fahrradgeschäft. Steinke in Süchteln, sagt er. 1500 Meter. Sabine fährt schon mal vor. Zweihundert Meter vor dem Radladen reißt der Himmel seine Pforten auf. Das Regenradar macht leider pünktliche Ansagen. Ein freundlicher Radreifenreparateur tauscht den Schlauch am Hinterrad in 30 Sekunden und empfiehlt mir einen neuen Reifenmantel. Der Unkaputtbare. Ahh. Das klingt gut. Das Wetterradar kündigt derweil fünf regenfreie Minuten an, dann soll es noch mal eine Stunde prasseln. Wir pausieren in einem Café mit dem Schild "Sabine am Mittag". Im Café sitzen zwei Damen und ein Herr. Hinter ihnen ein großes Banner: Sabine am Mittag. Sie begrüßen uns freundlich und fragen, ob wir Bürger seien. Die Sabine auf dem Schild, stellt sich heraus, will Bürgermeisterin von Viersen werden und tourt durch Süchteln. Es entspinnt sich ein lustiger Mittagsplausch zwischen beiden Sabinen. Wir lernen den Eisgrillage (gesprochen eisgrillarsch) kennen, eine hiesige Kuchenspezialität und starten gemäß Regenradar nach einer Stunde. Wir fahren an einem alten Römerpfad entlang. Es stürmt mehr und mehr. Schließlich durchqueren wir das Nettetal. Ein Naturschutzgebiet. Wirklich sehr nett, aber nun fängt es an zu regnen. Wir trotzen der Natur und strampeln durch einen Wald. Es wird dunkel. Der Regen platscht auf die Blätter der Bäume. Wir fahren über einen Schlosspfad zwischen Hinsbecker und Glabbacher Bruch. Das Wasser des Sees wird durch den Wind aufgepeitscht, die Bäume biegen sich. Auch im Unwetter steckt reichlich Idyll. Die Regenjacken haben wir an und sie plustern sich auf wie kleine Segel. Wir überqueren einigermaßen durchnässt die Grenze. Venlo heißt die nächste Stadt. Wie in Holland üblich hängen hier nirgendwo Vorhänge an den Fenstern. Ungewöhnliche Einblicke. Wir landen mitten im Zentrum von Venlo, nehmen ein Zimmer, besser gesagt eine Kamer im Hotel Puur, eine heiße Dusche und gönnen uns ein dreigängiges Menü im Restaurant enfin um die Ecke. Sehr köstlich. Und sie haben sogar einen rheinhessischen Wein aus Engelstadt auf der Karte. Der Service ist sympathisch locker. "Oh, sie sind Deutsch. Na, dann pack ich mal mein bestes Deutschkenntnis aus."


Radnotizen Teil 6: Der schwebende Fahrradkreisel 

Das gute Wetter hatte uns zwischenzeitlich verlassen. Aber der Morgen in Venlo präsentiert uns strahlend blauen Himmel. Wir rollen über den Fietspad, so heißen hier die Fahrradwege, die meist sehr gut ausgebaut sind. Außerdem haben die Holländer ein gigantisches Fahrradnetz über ihr Land gelegt und alles mit Nummern versehen. Alle 3 bis 4 Kilometer erreicht man einen nummerierten Knotenpunkt. Man kann sozusagen nach Zahlen fahren. Dazu werden gekennzeichnete Routen angeboten. Unsere deckt sich ziemlich genau mit der LF13 b. Auf dem Weg nach Eindhoven sehen wir riesige landwirtschaftliche Flächen. Und Tiere aller Art. Kühe weiden. Pferde grasen. Riesige Gäule, die aussehen als hätten sie ihre Winterstiefel an. Sabine klärt mich auf. Das sind Friesen. Die sehen lustig aus. Es folgen Reitpferde, Rennpferde, Ponys. Winzige Pferde, die fast so klein sind wie Ziegen. Plötzlich fahren wir an blütenweißen Lamas vorbei. Und immer wieder Schafe und Kühe, sogar eine Wagyufarm gibt es hier mit prächtigen, gut aufgelegten Rindern, die nur so vor Kraft strotzen. Unsere Pause nehmen wir in Helmond und probieren Hollands Glorie: frittierte Käse-, Fleisch und Krokettenbällchen. Egal was man bestellt, zu allem gibt es offenbar Pommes und Mayo. Weiter geht's nach Eindhoven. Eine Studentenstadt mit einer berühmten TU. Lichtstadt ist das Synonym für Eindhoven, weil hier Philips einst eine große Glühlampenfabrik hatte. Frits Philips begegnet einem überall. Und Lampen. Unser Hotel heißt denn auch passenderweise Glow. Ein Boutique Hotel, etwas versteckt, aber toll eingerichtet und sehr zentral. Direkt um die Ecke entdecken wir eine Art Altstadtstraße, Kleine Berg, und setzen uns in das Restaurant Welp. Sie kochen köstlich hier und die Eindhovener sind sehr kontaktfreudig. Also eigentlich so wie die Mainzer. Wir trinken, plaudern, lachen - die Vornamen unserer neuen holländischen Freunde sind echt lustig: Walter, Frank, Roderick und Brigitte. Sie laden uns auf eine Partie Poolbillard ein. Während wir noch dachten, wir gehen in eine andere Kneipe, sind wir plötzlich in Frank und Brigittes Wohnung. Im sechsten Stock des ehemaligen Philips Firmenhochhauses. Ein Art Loft. 300 m2 groß. Superschick eingerichtet und natürlich steht da ein Billardtisch in der Wohnung. Ein Bier gibt das andere und wir versacken in Eindhoven. Zum Glück ist unser Hotel direkt um die Ecke. Am nächsten Tag sind wir froh, dass wir radeln dürfen, um den Alkohol aus der Blutbahn zu strampeln. Allerdings schüttet es ohne Ende. Trotz Regenjacken müssen wir nach 20 Minuten die erste Pause einlegen. Das Regenradar leitet uns so gut es geht. Unter Radfahrern berühmt, ist der Eindhovener Hängekreisverkehr. Echt sensationell. Er heißt Hovenring. Ein schwebender Fahrradkreisel. Über 100 Meter Durchmesser. Gehalten von riesigen Stahlseilen an einen hochaufragenden Pylon. Gebaut um die 12.000 Radfahrer, die hier täglich nach Eindhoven wollen, über die Autobahn in vier verschiedene Richtungen zu lenken. Heute Morgen sind wir aufgrund der Wetterlage die einzigen, die hier eine Runde drehen und ab geht's auf unsere LF13 b. Nächstes Ziel: Per Fietspad Richtung Breda. 

Radnotizen Teil 7: Hirschtalg für den Popocatepetl 

Wenn das Wetter schlecht ist, ist im Zweifelsfall die App schuld. Naja, wir wollen nicht ungerecht sein. Das Regenradar hat uns schon viele gute Dienste erfüllt. Es windet und regnet. Auf der Strecke sehen wir überall gewaltige, abgebrochene Äste und umgefallene Bäume am Straßenrand liegen und erfahren, dass vor zwei Tagen ein gewaltiger Sturm durch Holland zog. Zum Glück seien die Warnungen rechtzeitig rausgegangen, wonach niemand durch ein Waldgebiet fahren soll. Ähem. Räusper, räusper, das war doch der Tag, wo wir frohgemut durchs Nettetal radelten. Mehr Wald geht gar nicht. Na gut, es war eine Notlage. Wir mussten aus Gladbach flüchten. Und wie sagt der Kölner. Es hät jo immer noch jut jejangen. Oder so ähnlich. Ursprünglich wollten wir nur bis Tilburg fahren, aber unsere holländischen Freunde aus Eindhoven waren der Meinung, dass Breda viel schöner als Tilburg sei. Also statten wir Tilburg nur einen Kurzbesuch ab. Auf dem Weg dorthin fahren wir eine wunderschöne Strecke an einem alten Kanal entlang. Kleine Motorbötchen kommen uns entgegen, wir queren Hebebrücken mit riesigen Gegengewichten. Ab und an ein kleines Dörfchen mit Häusern aus Backsteinen. Selbst die Straßen und Fahrradwege sind aus Backsteinen. Und die Vorgärten sind zum Teil wahre Prachtstücke an Gartengestaltung. Die Buchsbäumchen werden zu aberwitzigen Formen geschnitten (siehe Bild). Überhaupt scheint das Beschneiden von Hecken eine Art Freizeitsport zu sein. Ich sehe mich schon in Bodenheim mit der Akku-Schere im Großeinsatz. Das wird lustig. Endlich erreichen wir Tilburg. Unspektakulär, aber nicht ganz so schlimm wie befürchtet. Allerdings hat der Sturm auch hier seine Spuren hinterlassen. Wir pausieren in einem belgischen Café. Broodjes ist hier die Spezialität. Mit Kaas. Mit Worst. Mit Tomaten. Aber alles mit Broodjes. Irgendwie versteh ich plötzlich Holländisch. Nicht zu vergessen, die hausgemachte Majonäse. Smackt lekker. Da wir unbedingt Breda noch erreichen wollen, wählen wir eine Zahlenkombination (ihr erinnert euch noch: Radfahren nach Zahlen), die relativ schnurstracks von A nach B führt. Also wenig Romantik. Mehr Beinarbeit an Nationalstraßen entlang. Wir entschädigen uns mit einer Übernachtung in einem weiteren Boutique Hotel. Es heißt Noveau van Ham. Ein toll gestyltes Zimmer. Überhaupt sind uns die Holländer in Sachen Raumgestaltung meilenweit voraus. Jeder Laden, jedes Geschäft, jedes Café, jedes Restaurant ist so liebevoll eingerichtet als würde hier von Eni van de Maiglöckche ein Innenarchitekten-Wettbewerb ausgerichtet. Wirklich grandios. Mit viel Geschmack ohne den Laden mit Tineff zu überladen. Auch die Servicekräfte haben so eine lässige Distanz und zugleich eine gewinnende Nähe, das ist nachahmenswert. Ein Hauch davon wünschen wir uns für Deutschland. Breda ist wirklich schmuck. Viele nette Restaurants, eine tolle Altstadt, eine schöne Kirche, die von einer Stiftung verwaltet wird. Wir essen im Popocatepetl mexikanisch und frühstücken am nächsten Tag im Choco-Café. Beide wären beim Wettbewerb der Innenarchitekten vorne mit dabei. Unsere nächste Station heißt Bergen op Zoom. Und das Wetter verspricht Besserung. Zumindest vorübergehend. Am Abend gönnen wir unseren Sitzhöckern eine extra Portion Hirschtalg. Komisch. Wieso muss ich jetzt an Popocatepetl denken. Jedenfalls brennt es. heute, als hätten wir auf einem Vulkan gesessen. 

 

Radnotizen Teil 8: Jenseits aller Windstärken 

Bergen op Zoom. Man fragt sich unwillkürlich wie man in einem Land ohne Berge auf so einen Städtenamen kommt. Aber vielleicht heißt das ja auch übersetzt: An einen Berg herangezoomt. Dann wird selbst aus einem Maulwurfshügel noch ein Matterhorn. Doch bevor wir das Matterhorn erklimmen, müssen wir noch durch Wälder und Auen. Vorbei an Backsteinbauten und wohl beschnittenen Gärten. Ein Päuschen machen wir mitten in der Pampas. Herberge in den Anker, heißt das Waldcafé. Auch hier Rätsel raten. Wie kommt man auf so einen Namen, obwohl kein Wasser weit und breit zu sehen ist. Vielleicht ist das der besondere Humor der Holländer. Sabine ißt Appelgebak mit slagroom und ich Abrikozenvlaal. Smackt lekker. Anschließend sehen wir zwei Kühe, die gerne ein Zebra geworden wären. Irgendjemand hat denen offenbar erzählt, dass breite Streifen schlank machen (siehe Bild). Kurzfristig überqueren wir sogar die belgische Grenze, auch hier radelt man nach Zahlen. Die Einfahrt nach Bergen op Zoom ist windig aber schnittig. Ein schönes Städtchen. Wir übernachten in einem bed&breakfast, das uns booking.com als Schnäppchen anbietet. Wir greifen zu und werden in der Tat nicht enttäuscht. Der zuvorkommend nette Hausherr Alfred begrüßt uns und zeigt uns unser Zimmer. Voll abgefahren. Ein riesiges Bett. Im Bad zwei gegenüberliegende Waschbecken, ein Whirlpool und eine Sauna. Überall (echte?) Kunstwerke an den Wänden. Das ist schon ein kleiner Superlativ. Schon der Name war verheißungsvoll: de drie Scheepkens. In der Engelsestraat. Wir speisen in einer holländischen Brasserie eine köstliche in Butter gebratene Dorade, die Haut knusprig wie ein Keks und schlafen anschließend den Schlaf der Seligen. Das Dörfchen ist eine Reise wert. Wir aber müssen weiter. Es geht nach Goes (gesprochen Guus). Die Wetterprognose ist eher widrig. Und wir müssen leider feststellen, dass die bisher zurück gelegten 550 Kilometer nur das Trainingslager waren, um uns dem Küstensturm zu stellen. Ich hab schon viel erlebt und allerhand erwartet. Mein 21-Gang Fahrrad ächzt (Sabine fügt voller Stolz an, ihr Rad habe sogar 30 Gänge), aber es hilft nichts, wir müssen stellenweise im niedrigsten Gang fahren und das bei gerader Strecke. Eine - vorsichtig ausgedrückt - teils grenzwertige Erfahrung. Es stürmt in Nord-Brabant. Orkan. Windstärke 9-11. Und alles bläst uns von vorne ins Gesicht. Die ultimative Herausforderung ist die Überquerung des Scelde-Rijn-Kanaals. Bergauf ohne Windschutz. Alle zwei Meter schau ich nach rechts, ob ich überhaupt vorwärts komme. Meine beiden Oberschenkel laufen heiß. Zum Glück ist der Wind eiskalt. Gefühlt sind wir längst bei Windstärke 20 angekommen. In Krabbendijk machen wir eine Pause. Bremsen muss man nicht. Nur rechtzeitig vom Fahrrad abspringen. Wir essen Appelgebak mit Slagroom. Die Kohlenhydrate gehen ohne den Magen oder die Blutbahn zu belästigen direkt in den Muskel. Wir strampeln. Wir pumpen. Und Sabine tritt in die Pedale wie auf einer Nähmaschine, mitunter in Zeitlupe, aber sie bleibt dran. Manchmal ist sie ein paar hundert Meter hinter mir. Ich warte an einer windgeschützten Stelle und kann kaum erkennen, ob sie überhaupt vorwärts kommt. Wir kämpfen uns durch den Wind wie durch zähen Honig. Und geben nicht auf. Helm ab. Das waren die toughsten 50 Kilometer, die wir je gefahren sind. In Goes fallen wir beim Absteigen fast vom Fahrrad. Natürlich nur wegen des holprigen Untergrunds. Als uns die Dame an der Rezeption erzählt, dass bei dem außergewöhnlichen Sturm kein Goeser auf die Straße gegangen sei, selbst mit dem Auto habe sich kaum einer rausgewagt, machen sich Gefühle des Stolzes breit. Ich lasse mir nichts anmerken und erwähne ganz beiläufig, dass wir aus Mainz wären und in einem durchgefahren seien. Dass es so stürmt, sei uns gar nicht aufgefallen. Wir legen uns beide zwei Würfelzucker auf die Oberschenkel und wie durch ein Wunder diffundiert der Zucker in die Beine. Wie das Zimmer aussieht, erfahre ich erst später. Ich bin schon beim Türe-öffnen eingeschlafen. 

 

Radnotizen Teil 9: 35 Kilometer Tretbootfahren 

Eine Stunde schlafen wir wie zwei rundgemeiselte Kieselsteine. Plötzlich werde ich durch ein lautes Rumoren geweckt. War da jemand im Zimmer? Sabine schnurbelt sanft neben mir wie ein scheues Reh. Das andere Geräusch aber macht mich nervös. Ich schnaube wie ein angriffslustiger Hirsch und greife unwillkürlich nach der Hirschtalgdose. Da war es wieder. Es ist eher ein Grummeln oder doch mehr ein Knurren? Ich entspanne mich spürbar. Es war nur mein Magen. Ich habe Hunger und gebe unmissverständliche Zeichen an das schnarchende Reh. Goes ist ein schnuckeliges Dörfchen. Zauberhaft. Aber irgendetwas stimmt hier nicht. Wir wandern misstrauisch durch die verwinkelten Gassen. Und dann weiß ich es: Der Sturm ist weg, als habe jemand einfach den Windkanal ausgeschaltet. Ruhig und friedlich liegt es da: Goes mit einem wunderschön, beschaulichen Hafen. Wie gemalt für uns. Wir wollen zuerst in das Restaurant "De lachende Koe". Aber die hat gesloten. Also schlendern wir weiter und kehren ein ins " Het Elfde Gebod". Das ist "Eetmosfeer". Wie so oft hier in de Neederlande vergeben wir die Note eins für die Inneneinrichtung. Naja, kein Wunder beim Gebod "Eetmosfeer". Übrigens Niederlande sagen fast nur wir. Die Niederländer sprechen durchweg von Holland. Der Wirt ist zwei Meter groß und kniet sich neben die Tische, wenn er die Bestellung aufnimmt. Auf der Karte steht Ossenhaas. Wir wundern uns, wie man mitten im Jahr einen Osterhasen zum Essen anbietet. Der galante Ober klärt uns auf. Ossenhaas ist Rinderlende von den glücklichen Kühen hier aus der Region. Das lass ich mir nicht entgehen - und es schmeckt in der Tat butterzart. Zum Dessert wählt sich Sabine einen der 80 angebotenen Whisky aus. Einen Bruichladdich, Scotch, Single malt. Serviert mit einer Pipette, um eins, zwei Tröpfchen Wasser hinzu zugeben. Ganz ehrlich, er riecht wie uralte Socken und schmeckt auch so. Als hätte man in ein Torfbrikett gebissen. Sabine jedenfalls liebt diesen Whisky. Ich beruhige meinen Gaumen mit einem Grappa. Und muss nur aus 40 verschiedenen Sorten auswählen. Ein Grappa di Barolo. Derart gedopt können wir am nächsten Tag die Weiterfahrt antreten. Die gute Nachricht am nächsten Morgen vor unserer letzten Etappe. Der Wind hat aufgehört. Die schlechte Nachricht. Er regnet wie aus Eimern. Wir befragen das Smartphone-Orakel in Form unseres Regenradars. Die erste regenfreie Zone zeigt sich um 11.15 Uhr. Wir frühstücken sehr ausgiebig und sind um Punkt 11:15 auf der Piste. Wir kommen bis "s' Heer Arendskerke". An der Kerke hat es offenbar im Sturm gestern eine riesige alte Kastanie umgehauen. Sie liegt quer im Kirchgarten. Wir finden einen kleinen Dachvorsprung bei der Feuerwehr. Hier stellen wir uns unter und schon prasselt es los. Eineinhalb Stunden schüttet, blitzt und donnert es. Wir machen Ratespiele wie im Kindergarten, Dehnübungen und Spontanaerobic. Hoffentlich filmt uns niemand und stellt diese Mischung aus Louis de Funes und Kaspertheater ins Internet (siehe Fotos). Unser Regenradar meldet zwar ein Ende des Gewitters, aber kein Ende des Regens. Also entscheiden wir uns, uns ab jetzt schwimmend vorwärts zu bewegen. Wir treten hinaus in die Fluten und strampeln los. Unsere Fortbewegung mutete eher an Tretbootfahren an. Nach zehn Minuten sind wir komplett nass trotz Regenjacke. Wir schwimmen an Middelburg vorbei. Und stromaufwärts Richtung Oostkapelle. Das Ziel unserer Radtour. Das Wetter zeigt kein Erbarmen. 35 Kilometer nur Regen. Aber alles hat mal ein Ende. Auch unsere Tour. Nach 653 km sind wir angekommen. Nass bis auf die Haut. Aber stolz wie Bolle. Grinsend fahren wir durch die Straßen von Oostkapelle. Jeden Touristen lächeln wir an und denken: Ihr Weicheier seid mit dem Auto hier hoch gefahren. Wir sind aus eigener Kraft an die Nordsee geradelt. Am Abend hört der Regen auf und die Sonne begrüßt uns dann doch noch mit einem breiten Lächeln. Wir fahren an den Strand, lassen den Sand durch unsere gespreizten Fußzehen rieseln, trinken Golsch-Bier zur gebackenen Seezunge. Meine Sitzhöcker spür ich überhaupt nicht mehr. Sabine braucht das Hirschtalg allerdings in erhöhter Dosis. Wir schauen uns an. Morgen könnten wir mit dem Rad doch mal nach Westkapelle fahren, sind ja nur zwölf Kilometer. Lächerlich. 

Radnotizen Nachtrag: Von Geysiren, Gockeln und großen Käsefreuden


Wer Spaß an meinem Reiseblog "Mit dem Fahrrad von Bodenheim nach Oostkapelle in Zeeland" hatte, dem möchte ich gerne noch einen kleinen Nachtrag hinzufügen. Im Eifer des Schreibens habe ich zwei, drei Ereignisse übersprungen, die durchaus hätten erwähnt werden müssen. In Andernach beispielsweise stießen wir am Rheinufer auf ein ungewöhnliches Boot, das so übertrieben Werbung machte, dass ich erst dachte, da haben sich die Marketing-Profis von Red Bull mal wieder was einfallen lassen: "Erleben Sie den höchsten Geysir seiner Art weltweit" stand da großspurig. Hallo. Sind die nicht alle auf Island, die Geysire? Ausgerechnet in Andernach soll nun der Höchste stehen? Wer sich den Geysir anschauen will, dem sei unbedingt auch das Erlebniszentrum empfohlen, das sehr pfiffig über Wasser und geologische Zusammenhänge in einer anschaulichen Mitmach-Ausstellung informiert. Danach fährt man mit einem Boot 30 Minuten zum Geysir. Es ist natürlich eine gehörige Portion Marketing dabei, denn in Wahrheit handelt sich um den höchsten Kaltwasser-Geysir der Welt. Keine Ahnung, wo es sonst noch Kaltwasser-Geysire gibt. Aber macht nix, es ist trotzdem recht spektakulär, wenn aus den Tiefen der Erde der Geysir schnaubend wie ein Drache seine kalte Fontäne, die zu 96 Prozent aus Gas und nur zu 4 Prozent aus Flüssigkeit besteht, in die Luft spuckt. Als wir vor Ort waren, speit er immerhin 50 Meter hoch. 

Die zweite Anmerkung betrifft Köln, da haben wir am Rand des belgischen Viertels in der Pfeilstraße einen Shop von Anja Gockel entdeckt. Auch wenn ich dort nichts Passendes in meiner Größe finden konnte, kamen doch kurzfristig Heimatgefühle auf. Was mich rückblickend auch noch amüsiert hatte, war die Langestraat, die ihrem Namen alle Ehre machte. Wir radelten endlos lange und ziemlich gerade auf ihr entlang. Sie begann irgendwann hinter Venlo. Ich fragte noch Sabine, wo die wohl endet, die Langestraat? Und dann entdeckten wir doch tatsächlich America. So hieß das nächste Dorf. Zum Beweis habe ich das Ortsschild fotografiert. Außer dem Ortsschild gab es allerdings wenig Erwähnenswertes. Ach ja. In Goes. Sabine, die Whisky-Liebhaberin, hat im Elfde Gebod zum Whisky eine Käseplatte bestellt. Speziell für Sabine hat der Cheffe statt der üblichen drei holländischen Käsesorten noch einen vierten aufgetischt. Einen Blue Shropshire. Der kommt aus Schottland. Ist ungewöhnlich orange, etwas brüchig aber auch sehr cremig. Sehr köstlich, vorausgesetzt, man mag Blauschimmelkäse. Ich vermute mal, dass normalerweise kaum jemand zu einem derart hochkarätigen Whisky einen Käse bestellt. Naja und wenn Scotch, dachte sich der Cheffe, dann gehört auch a scottish cheese dazu. Noch eine abschließende Anmerkung. Fahrradfahrer grüßen sich in Holland - im Tagesverlauf mit unterschiedlichen Begrüßungsformeln: Erst heißt es Morje, dann Hai, später Gode Middach und irgendwann Hallo. 


Kulinarische Radnotizen - Zeeland: Zwischen Queller und Lapentang

Ganz ehrlich, ich war noch nie in Zeeland. Überhaupt, war ich noch nie in Holland am Meer. Wenn man sich die Küste der Niederlande auf einer Karte anschaut, entdeckt man im Südwesten nahe der belgischen Grenze mehrere ovale Halbinseln, die durch Kanäle getrennt und durch Dämme und Brücken verbunden sind. So entstehen Inlandseen und extrem lange Küstenstreifen. Fast egal, wo man sich aufhält in Zeeland, man hat es nie weit zur Küste. Die Zeeländer sind sichtbar von den Belgiern beeinflusst, das erkennt man wunderbar an dem Örtchen Veere, das einen unwillkürlich an Brügge erinnert. Mehr noch: die Zeeländer waren mal bedeutende Entdecker. Das ist lange her. Rund 400 Jahre. Damals befuhren sie Weltmeere, gründeten Kolonien. Und ja, Neuseeland ist tatsächlich nach Zeeland benannt. Kein Wunder also, dass man überall Schafe sieht. Auffällig Wohlgenährte, die an den salzigen Deichhängen grasen als gäbs kein Morgen mehr. Auch die Rinder und Kühe weiden voller Wonne und sehen kerngesund aus. Nicht umsonst findet man hier die nährstoffreichsten Böden und die leckersten Lammsteaks mit einem leicht salzigen Geschmack. Ich muss nicht erwähnen, dass auch das heimische Rindfleisch köstlich schmeckt. Voll auf seine Kosten kommt verständlicherweise der Fischliebhaber. Die zeeländische Seezunge. Hmm. Inzwischen auch aus nachhaltiger Zucht. Der Kabeljau. Die Scholle. Muscheln, Austern und Meeresfrüchte aller Art. Man darf sogar selber Muscheln und Strandschnecken sammeln. Zumindest an bestimmten Küstenabschnitten. Dazu gibt es Queller, eine leicht salzig schmeckende Alge, knackig frisch - herrlich. Die Zeeländer nennen es Küstengemüse und viele Köche entdecken mehr und mehr die uralten Gemüsesorten wieder, die auf den salzhaltigen Böden wachsen: Meerkohl, Lappentang, Meerfenchel, Meerkohl, wilde Rüben, Strandaster. Derlei Köstliches gibt es nicht in jedem Restaurant. Man muss schon danach suchen. Viele Gäste, und ich fürchte es ist die Mehrheit, lieben Frittiertes. Und es gibt quasi nichts, das die Holländer nicht panieren und frittieren. Bitterballen, Fischbällchen, Fischwürfel, Fleischballen, Käsekroketten - mit Chorizo, mit Scampi, mit Ziegenkäse, mit Paprika. An jedem Strand, in jedem Dorf sieht man Vis-Theken wie Currywurstbuden oder Eisstände bei uns - mit einer riesigen durchaus beachtlichen Auswahl. Immer und überall Pommes, mit den wichtigsten drei Fragen: Mit Mayo? Mit Ketchup? Oder mit beidem? Leider frittieren sie selbst Kabeljau und Seezunge. Die armen Fische. Der Zeeländer scheint indes auf einem guten Weg zu sein. Man liest viel über Nachhaltigkeit. Über die Natur. Die Strände sind auffällig sauber. Alle 15 Meter steht ein Mülleimer. An den Zugängen kann man kostenfrei Papiermülltüten mitnehmen für seinen Tagesabfall. Und Domburg samt Oostkapelle wurde wieder einmal zum saubersten Strand Hollands gewählt. Das mag spießig klingen, ist aber vor Ort ein wohliges Erlebnis. Kulinarisch ist Zeeland auf einem spannenden Weg. Neun Michelin-Sterne hat Zeeland zu bieten und das bei 380.000 Einwohnern verteilt über eine Fläche von fast 3 Millionen m2, also etwas größer als das Saarland, dafür leben im Saarland drei mal mehr Menschen. Mehr Sterne gibt es nicht mal in Luxemburg, das mit der höchsten Sternendichte der Welt wirbt. Nicht zu vergessen die Radnetz-Dichte in Zeeland. Das ist toll, aber zeitweise auch ganz schön voll. Das Fahrrad ist bei schönem Wetter ein traumhaftes Fortbewegungsmittel. Nicht wundern also, wenn es in den Dörfern riesige, extra ausgewiesene Parkflächen eigens für Radfahrer gibt, wo man zu bestimmten Uhrzeiten kaum noch ein Plätzchen findet. Am letzten Tag unseres Urlaubs sitzen wir am Strand von Oostkapelle, fast am Ende, da wo das Zee-Café liegt, und schauen in den Himmel, der wunderbare Schäfchenwolken formt. Sabine sieht kantige Männergesichter, Donald Duck, ein Nashorn, eine Hexe - und die Wolke da hinten, sieht die nicht aus wie der alte Rübezahl? Ich seh ganz andere Sachen: Lauter Scampis, Blumenkohl auf salzigen Weiden, Lammhaxen, eine Seezunge und jede Menge Queller-Algen. Ach Zeeland, wir kommen wieder. 

 

Post scriptum aus Zeeland - Von Dörfern, Dämmen, Deichen und Deutschen

Zehn Tage lang sind wir mit dem Fahrrad von Bodenheim nach Oostkapelle rund 650 km geradelt. Vor Ort noch einmal rund 200 km. Zurück ging es wesentlich schneller. Zunächst zehn Kilometer mit den Rad nach Middelburg. Dort im Intercity nach Dordrecht. Nach 30 Minuten kam der Intercity Richtung Venlo. In Eindhoven war der Bahnhof allerdings wegen Umbauarbeiten geschlossen, also mussten wir mit dem Schnellbus nach Helmond. Von dort über Venlo mit der Regionalbahn nach Düsseldorf. Dort stiegen wir in den Intercity nach Mainz. Nach zwölf Stunden waren wir wieder zuhause.

Während der Bahnfahrt hatte ich Zeit für ein Post Scriptum, das nun folgt:

Die letzten Tage unseres Urlaubs haben wir mit dem Fahrrad Zeeland erkundet - von Domburg bis Westkapelle, von Vrouwenpolder über den künstlich angelegten Damm nach Kamperland und wieder zurück bis runter nach Veere. 

Der künstlich aufgeschüttete Damm bei Vrouwenpolder heißt Veerse Gatdam, er wurde schon im letzten Jahrhundert angelegt. Mit seinem Bau wurde gleichzeitig ein Binnensee geschaffen, das Veersemeer, das von hunderten Wassersport-Begeisterten genutzt wird. Surfer, Segler, Wasserski-Fahrer, Taucher. Alles was das Seemanns-Herz begehrt. Der Damm hat zugleich der idyllischen Hafenstadt Veere den Zugang zur Nordsee geraubt und sie von den kommerziellen Handelsrouten abgeschnitten. Dafür landen jetzt Yachten an und ein Heer von Touristen. In den Sommermonaten platzt das schöne Mittelalter-Städtchen buchstäblich aus allen Nähten. Beliebt ist der Vis-Markt. Hier gibt es köstliche Heringe, zeeländische Austern, geräucherten Aal und Makrele oder frittierten Kippeling mit Knoflooksoß. Am Hafen, etwas um die Ecke des hektischen Treibens, hat der Hafenmeister sein Büro: Yachten, Jollen, Motorbötchen und alte Kähne suchen ihren Platz am Kai. Dirigiert vom umtriebigen Hafenmeister, der seinen kleinen Hafen kennt wie seine Westentasche, aber auch viele der Veersemeer-bereisten Kapitäne. Bei einigen hat es den Anschein, dass sie den Hafen nie verlassen und sich auf ihrem Sonnendeck am liebsten von den staunenden Touristen bewundern lassen. Sehen und gesehen werden. Beim Hafenmeister versteckt, ist ein kleines Kneipchen mit einer wonnigen Wirtin. Hier darf man sich dazu gesellen und preisgünstig einen Kaffee, ein Bier oder ein Glas Wein trinken. Und wenn man gegen Abend Glück hat, will der Vis-Verkäufer gerade seinen Stand schließen und verteilt unter den Gästen noch seinen Restbestand an zeeländischen Austern. Ein kostenfreier Genuss.

Dienstags schlängelt sich ein historischer Markt durch die engen Gassen. Viele Verkäufer sind in alte Trachten gewandet. Regionale Produkte gibt es reichlich: Senf, geräucherter Knoblauch, der jede Wohnstube in eine Räucherkammer verwandelt. Salz aus Seealgen, geflochtene Körbe. Bier und Kräuter-Schnaps. Honig und Heilkräuter. Wer sich noch einen Hauch Geschichtsbewusstsein bewahrt hat, schaut sich die prachtvollen Schottenhäuser an, die an jene Epoche erinnern als der Veerer Adel mit Schottland verbandelt war. Wildert van Borsele war einst mit der schottischen Prinzessin Mary Stewart verheiratet, Tochter des schottischen Königs James I. - in jener Zeit blühte der Tuch- und Wollhandel, die Hoch-Zeit des Veerer Wohlstands. 

So ein historisches Gesamtkunstwerk wie Veere findet man nicht oft in Walcheren, der südwestlichsten Halbinsel Zeelands. 

Viele Orte sind durch den Tourismus geprägt. Auf der Hauptstraße siedeln sich Geschäfte, Cafés und Restaurants an. In der Hauptsaison ziemlich überlaufen. Aber oft schon ein paar Meter ab vom hektischen Treiben entdeckt man einen Porzellanladen, der auch Kaffee und Appelgebak anbietet, mit einem wunderschönen Garten. Kleine Oasen. 

Deiche und Strände in Walcheren gibt es fast wie Sand am Meer. Mal hügelig, mal flach, mal für Radfahrer, mal nur für Spaziergänger. Mal bewaldet, mal bewachsene Sanddünen, mal Wiesen und Weiden. Aber einen Deich oder Damm braucht es immer, um das Inland vor Flut und Wellen zu schützen. Verantwortlich ist das Wasserwirtschaftsamt. Über die Jahrhunderte wurden in der Region gewaltige Infrastrukturmaßnahmen geleistet. Naturgewalten und Kriege warfen Walcheren oft zurück in die Steinzeit. Im Laufe der Jahre wurde alles wieder neu aufgebaut. Das Wasserwesen genießt nach wie vor ein hohes Ansehen. Die staatlichen Vertreter des Wasserverkehrswesens werden bis heute sogar vom Volk direkt gewählt und das seit Jahrhunderten. Die Zeeländer behaupten, das sei die älteste demokratische Wahl der Welt. Na gut, zumindest in Zeeland. Seit vielen Jahren werden 20 Prozent der Infrastrukturkosten an Deichen und Dämmen für den Tourismus ausgegeben. So entstehen nicht einfach nur Dämme, sondern naturnahe, begrünte, ökologisch nachhaltige, mit toll ausgebauten Wanderwegen und Fahrradrouten. In Westkapelle etwa wurde ein mehrere Kilometer langer Asphaltstreifen direkt bis zum Strand angelegt. Was auf den ersten Blick wie eine verunglückte Baumaßnahme anmutet, entpuppt sich als behindertenfreundliche und altengerechte Strandanfahrt. Normalerweise sind Menschen mit Gehbehinderung kaum in der Lage die steilen Dünen zu erklimmen, geschweige denn lange Sandwege zurück zu legen. In Westkapelle fährt man mit dem Auto bis ans Meer. Da sitzt denn so manch 90-jähriges Pärchen mit Klappstuhl direkt neben seinem Auto und erlebt ein besonderes Strandgefühl.

Deutsch wird übrigens fast überall gesprochen, kein Wunder, nach wie vor sind 80 Prozent der Zeeland-Touristen aus Deutschland. Ein Hotelinhaber sagte uns scherzhaft: "Das wird auch noch lange so bleiben. Es gibt zwar immer mehr Holländer und Belgier, die langsam Zeeland entdecken möchten. Nur in der Hauptsaison ist das meiste Kontingent schon vergeben. Denn die Deutschen buchen ein halbes Jahr vorher. Holländer einen Monat davor und Belgier höchstens eine Woche vor Urlaubsantritt."

 

PSS. - Anmerkungen der Reisebegleiterin: Die sieben goldenen Tipps für eine Fahrradtour von Bodenheim nach Zeeland:

1. Die meisten Männer, die ich kenne, sind technik-begeistert, zumindest technik-interessiert. Darum empfiehlt sich unbedingt vor Tourbeginn der Kauf der Fahrradtouren-App "Komoot". Damit kann der Liebste hervorragend die Route am Rhein entlang bis nach Oostkapelle planen und beim Fahren live verfolgen, ob auch alles so ist, wie die App verspricht. 

Typische Bewegung des Radrudelanführers: regelmäßiges Kopfheben und -senken, zwecks Routencheck!

In Holland lohnt sich der Kauf einer klassischen Fahrradkarte in einer der wunderbar ausgestatteten Buchhandlungen (da hat mein "Stiftung Lesen"-Herz Freudensprünge gemacht). Die zeigen toll, wie die vielen Radwege und das Knotenpunktsystem einen durch die Landschaft führen.

 

2. Genauso lohnend wie die Komoot-App ist eine gute Regenradar-App. Die warnt rechtzeitig und zuverlässig vor Tiefdruckzonen und wann es sich lohnt, einen Unterstand zu suchen, bzw. die Weiterfahrt um 1-2 Stunden zu verschieben.

 

3. Unverzichtbar ist auch eine Dose Hirschtalg - Danke an meine Lieblings-Schwägerin Ulrike für den Tipp, denn leichte Schwellungen und Hornhautbildung an den Sitzhöckern sind dann nur halb so schlimm.

 

4. Bei einem Tagestrip von 50-60 Km sollte immer ein Kaffee-Päuschen drin sein. In Holland ist das besonders lekker mit "Appelgebak met slagroom" . Das ist dann auch genau der richtige Moment, um zu überlegen, wo man die Übernachtung plant. Wenn man sich ein bisschen für das Strampeln belohnen mag, lohnt sich... 

 

5. das Buchen eines schnuckeligen Boutique-Hotels über die kostenfreie booking.com-Seite.

 

6. Für den täglichen Fahrspaß spielt auch ein leckeres Abendessen eine wichtige Rolle - besonders, wenn der Begleiter ein erfahrener Gastwirtschaftsprüfer ist. Da kann man schon mal während der Appelgebak-Pause überlegen, wo es einem schmecken kann - in Deutschland z.B. mit der Michelin-App. In Holland lohnt sich der Besuch in städtischen Tourist-Infos, da gibt es immer gute Prospekte mit regionalen Restaurant-Tipps.

 

7. Den größten Spaß hast du, wenn du die Tour mit deinem allerliebsten Begleiter machst und nie vergisst "happiness is for free". 


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Kommentare: 13
  • #1

    Ulrike (Donnerstag, 23 Juli 2015 05:11)

    Wir wünschen Euch eine wunderschöne Weiterfahrt ohne Regen und ohne Bienenstich

  • #2

    Margrit (Donnerstag, 23 Juli 2015 07:01)

    Hört sich wunderbar an - außer Sa- Bienes-Stich.
    Stramme Waderln und schöne Erlebnisse weiterhin

  • #3

    Klaus (Donnerstag, 23 Juli 2015 08:01)

    Noch einen schönen Urlaub - wir verfolgen gebannt euren Blog. Abends sitzen die Kinder um das Feuer und lauschen den neusten Erlebnissen von Sabine & Mibi - toll....

  • #4

    Birgit (Donnerstag, 23 Juli 2015 19:32)

    Ei wie schee!

  • #5

    Lu Leber (Donnerstag, 23 Juli 2015 23:57)

    Super, rijden u met de fiets met veel plezier Zeeland! Ik wens u blijven ' een geweldige tijd. tot dan, alle liefde groet, lu

  • #6

    Bine (Freitag, 24 Juli 2015 08:33)

    Mensch Lu, seit wann sprichst du fließend Holländisch ???

  • #7

    Moa (Sonntag, 26 Juli 2015 13:24)

    Hi ihr Lieben, weiterhin beschwingtes Radsattelreiten. Susi und ich haben gestern eure Heimatadresse aufgesucht und hatten einen schönen unterhaltsamen Abend mit Lukas uns Hannah. Im Garten ist allerhand passiert aber auch ein schöner dicker Igel war an der Volgelwasserschale bevor er im Unterholz verschwunden ist.
    Gruß und dicken Drücker Mamamoa

  • #8

    Carlo Wolf-Gersdorff (Dienstag, 28 Juli 2015 23:07)

    .... Respekt !
    Das müßte man mal machen, mit dem Rad nach ... wie oft schon gedacht - aber dann doch n i e umgesetzt.

    ( .. die Biene, sie hat das sicher nicht mit Vorsatz gemacht, absichtlich, sicher war es durch den Fahrtwind und der querenden Flugbahn .. )

    Gute Reise und schöne Erlebnisse
    Carlo

  • #9

    Judith (Freitag, 31 Juli 2015 09:23)

    Hey Sabine,
    ergänze den Blog doch gelegentlich um ein Bild von Mibis Radlerhosen (mit Inhalt!) an den jeweiligen Orten. Das würde die Anzahl der Leser sicherlich drastisch erhöhen ...
    Und an den potenten Träger die Frage: darf ich den Dialog im Gladbacher Reisebüro an August Moderer senden? Er wird sich bestimmt genau so schlapp lachen, wie ich.

    Ich wünsche Euch, dass die Schwielenbildung an den Sitzhöckern angenehm voranschreitet und Ihr weiterhin viel Spass habt
    Judith

  • #10

    Michael (Freitag, 31 Juli 2015 15:35)

    Klar Judith!
    Der Blog ist ja öffentlich. Schicke den Link gerne weiter und schönen Gruß an August und Marion, wenn sie es lesen.
    Lg Michael.

  • #11

    Andreas (Dienstag, 04 August 2015 21:06)

    Jetzt hab ich auch das Ende vom Blog erreicht. Sehr lebendig geschrieben! Ich hätte gleich Lust mich auf's Rad zu schwingen - dann les ich aber schnell noch mal Nr. 8 und Nr. 9 und ich kann mich wieder zurückhalten :)

  • #12

    Andi (Samstag, 08 August 2015 16:23)

    So schön! Danke für den herrlichen Reisebericht! Mir hat es Lust gemacht, auch einmal nur mit dem Rad zu reisen.

  • #13

    Moa (Montag, 10 August 2015 17:34)

    Hi Ihr beiden schön dass Ihr wieder da seid, gesund und munter.
    So das war die Tour von "Gestern" jetzt wird es Zeit eine neue zu planen!
    Wie wärs, in die andere Richtung - bis zum Schwarzen Meer? Ist vielleicht ein bisschen lang, aber vielleicht auf ein paar Jahre verteilt?So immer der Donau entlang?
    Gruß Moa