Exklusive Leseprobe


      © Sammlung Michael Bermeitinger

Mainzer Brücken 1945/46

Pionierarbeit: Die Wehrmacht sprengt, die Amerikaner bauen auf

 

Am 18. März 1945 gegen 2 Uhr in der Frühe weckt eine Explosion die Mainzer in der Innenstadt auf, und am Morgen sehen sie am Rhein, was passiert ist: Alle drei Brücken sind gesprengt. Doch die Amerikaner lassen sich nicht aufhalten. Eine Pontonbrücke ist der erste Brückenschlag, und im April rollen wieder Züge über den Strom, gibt es wieder eine feste Straßenbrücke. Doch damit nicht genug ...

 

Von Michael Bermeitinger

 

Es ist Mitte August 1945, als der vormalige Luftwaffen-Leutnant Jockel Fuchs von Norwegen kommend in Bremerhaven mit hunderten Kameraden in die offenen Waggons eines Güterzugs steigt. Langsam zuckelt die Fuhre gen Süden. Ruinenstädte säumen die Strecke, zerbombte Bahnhöfe mit endlosen Reihen zerschossener Loks und Wagen, und immer wieder geht es nur im Schritttempo voran. Dann rollt der Zug über Flüsse, Täler, über Brücken, in denen oft die Hälfte der Bögen und der Pfeiler fehlt. Gesprengt von der Wehrmacht auf dem Rückzug. Nun sind sie auf den wichtigsten Strecken repariert, aber nur notdürftig. Die letzte große Brücke, die der 25-Jährige auf dem Weg vom Polarkreis nach Hause überquert, führt über den großen Strom seiner Heimat – den Rhein. Hier steht die „Roosevelt Memorial Bridge“, neben der die Trümmer der Südbrücke aus den Fluten ragen.

„Ganz langsam bewegte sich unser Zug von Bischofsheim her auf den Rhein zu. Und dann fuhr er nur noch Schritttempo“, erinnert sich Fuchs mehr als 50 Jahre danach in seinen Memoiren. „Es ging über die Eisenbahn-Behelfsbrücke, die auf mich den Eindruck machte, als würde sie jederzeit unter der Last einstürzen. Vor uns eine einzige Trümmerlandschaft. Nur der Dom ragte hoch über die Trümmer hinaus.“ 20 Jahre später wird er als Oberbürgermeister die Stadt von den letzten Trümmerbrachen befreien.

Fünf Monate bevor der 25-Jährige im offenen Güterwagen über die Notbrücke rumpelt, reißt nachts ein dumpfer Schlag, vielleicht sind es auch drei Schläge, die Mainzer aus dem Schlaf.

Es ist jener Moment, in dem Soldaten des Pionierbataillons 33 aus der Kasteler von-der-Goltz-Kaserne am frühen Sonntagmorgen des 18. März alle drei Mainzer Rheinbrücken in die Luft jagen.

Die Kaiserbrücke im Norden, die Straßenbrücke und eben die Südbrücke.

Die Brückensprengungen sind die letzten verzweifelten Versuche, die vorrückende 3. US-Armee aufzuhalten. Und wehe, es gelingt nicht. Wie in Remagen, wo die Amerikaner am 7. März 1945 die Ludendorff-Brücke am Mittelrhein, die legendäre „Brücke von Remagen“, im Handstreich nehmen. Zuvor misslingt die Sprengung, weil die Wehrmacht hier zu wenig und unzureichenden Sprengstoff zur Verfügung hat. Doch Hitler kennt keine Gnade. Er lässt vier Offiziere von einem Fliegenden Standgericht am 13. und 14. März wegen „Feigheit und Dienstpflichtverletzung“ zum Tode verurteilen und erschießen. Der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall Albert Kesselring, lässt das Urteil in der Wehrmacht bekannt machen: „Ich befehle hiermit ­erneut, daß jeder Versagensfall auf kürzestem Weg gerichtlich zu überprüfen und zu erledigen ist. Ich erwarte von den Standgerichten schärfstes Durchgreifen und größte Härte.“

Die Kasteler Pioniere, die in Mainz die Brücken sprengen sollen, wissen also, was sie erwartet, aber ihre Sprengung funktioniert. Als die Mainzer am Morgen ans Ufer kommen, sehen sie die Trümmer aus dem Strom ragen.

Bei der Straßenbrücke liegen die mittleren drei von fünf Bögen im Wasser, während die Eisenbahnbrücke im Süden komplett gesprengt ist. Selbst die Flutbrücken drüben auf der Mainspitze sind zerstört. Das gleiche Schicksal erleidet auch die jüngste Mainzer Rheinquerung, die 1904 vom Kaiser höchstselbst eingeweihte Kaiserbrücke. Sie überwindet den linken Stromarm, die Petersaue und den rechten Rheinarm auf 790 Metern Länge und ist mit ihrem Gegensatz zwischen neun mächtigen Tor- und Turmbauten und den filigranen Gitterbögen eine echte Schönheit – bis zum frühen Morgen des 18. März 1945.

Hält das den Vormarsch der Amerikaner auf? Mitnichten. Die Sprengungen verschaffen der zurückflutenden Wehrmacht keine Atempause. Denn am 22. März, einen Tag nachdem die 3. US-Armee in Oppenheim/Nierstein den Rhein erreicht, stehen die ersten GI´s dort auf dem rechten Rheinufer, einen weiteren Tag später flutet die motorisierte Macht der Amerikaner an gleicher Stelle auf einer Ponton-Brücke über den Rhein.

 

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