Exklusive Leseprobe


Bernhard Hundeshagen, Der Dom vom Fischtor aus gesehen, um 1820 

© GDKE RLP – Landesmuseum Mainz (Foto: Ursula Rudischer) 

 

 

Kunst von Dilettanten

Von Goethe bis zum letzten Kurfürsten. Ein Stück Stadtgeschichte und eine Chance für die Frauen

 

Sie schufen Werke, die nie für den Kunsthandel bestimmt waren, auch in international bedeutenden Museen findet man nur wenige Stücke. Der Forschung sind sie weitgehend unbekannt und an Informationen über die Schöpfer dieser Werke kommt man nicht selten nur über Umwege. Sich selbst bezeichneten sie als „Dilettanten“ und manche ihrer künstlerischen Ergebnisse sind beachtliche Kunstwerke. Das Landesmuseum Mainz widmet ihnen unter dem Titel „Kunst von Dilettanten“ ein Schwerpunktthema in der Graphischen Sammlung. Überraschenderweise verfügt das Landesmuseum Mainz über einen bemerkenswerten Bestand an Arbeiten von Dilettanten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Viele davon sind in Mainz oder in den benachbarten Kunstzentren entstanden. Dazu ein Interview mit dem Kurator der Präsentation, Gernot Frankhäuser, vom Landesmuseum Mainz.

 

 

Von Michael Bonewitz

 

Herr Frankhäuser, wenn man heutzutage einen Künstler als „Dilettant“ bezeichnet, dann wäre das sicherlich eine Beleidigung. Im 18. Jahrhundert dagegen war so mancher Maler durchaus einverstanden damit, als Dilettant bezeichnet zu werden.

Dilettantismus war in der Tat ein Begriff und ein Phänomen, mit dem sich selbst die ehrwürdigen Herren Goethe und Schiller sehr ernsthaft auseinandergesetzt haben. Während Friedrich Schiller dem eher kritisch gegenüberstand, war Goethe vom Nutzen des Dilettantismus durchaus überzeugt. So schrieb er 1798: „Dilettant bedeutet einen Liebhaber der Künste, der nicht allein betrachten und genießen, sondern auch an ihrer Ausübung Theil nehmen will.“ Er könne durch seine eigene Tätigkeit gar „die Gesetze kennenlernen, wonach wir sehen“.

Goethe selbst zählte als Zeichner zu den Dilettanten, wir haben in der Ausstellung von ihm die beiden einzigen Radierungen, die es von ihm gibt, ansonsten hat er gezeichnet und das sehr intensiv. 

 

Haben sich Dilettanten und Künstler als Konkurrenten angesehen?

Lassen Sie mich ein Beispiel erzählen: Johann Georg Wille war ein berühmter Kupferstecher, der ursprünglich aus dem Hessischen stammte, aus der Nähe von Gießen. Wille ging 1736 nach Paris, wurde dort als Jean-George Will ein französischer Meisterstecher, man kann aus heutiger Sicht sogar sagen, er wurde der berühmteste europäische Kupferstecher seiner Zeit. 

Er gründete seine eigene private Schule und knüpfte als Kunsthändler ein europäisches Netzwerk. So hatte Jean-George Will auch Kontakt zum Mainzer Minister von Groschlag, der Will in Paris besucht hat. Zurück in Mainz schickte Minister Groschlag dem Meister Will eine Zeichnung eines Fräuleins vom Stein nach Paris. Johanna Louise, die Schwester des späteren preußischen Ministers Freiherr vom Stein. Naja, und der Meister Will fertigte dann eine Radierung nach dieser Zeichnung der Baronesse an und schickte die wiederum nach Mainz zurück. Vermutlich hat er das mit der Hoffnung verbunden, dass die Dame künftig auch beim Meisterstecher Will Bestellungen aufgibt. Marketing würden wir heute sagen. Aber Sie sehen, man hat durchaus voneinander profitiert.

 

Jedenfalls hat man miteinander kommuniziert.

Absolut, und es gibt zahlreiche solcher Beispiele, wie die Berufskünstler mit einigen Dilettanten einen regen Austausch pflegten. Der bedeutendste in Mainz wirkende Amateurkünstler dieser Zeit war Christian Ludwig von Hagedorn. Er verschenkte seine Kunstwerke an viele Sammler, aber auch an Künstler, mit denen er in näheren Kontakt treten wollte. Seine kleinen Radierungen halfen ihm somit beim Aufbau eines Netzwerks, das er später über halb Europa ausspannen konnte.

Als Jurist trat Hagedorn zunächst in kursächsische Dienste, steckte seine überschaubaren Bezüge in das Sammeln zeitgenössischer Malerei und wurde durch seine Schriften und durch seine spätere Tätigkeit als Generaldirektor der Dresdner Akademie und der dortigen fürstlichen Sammlungen einer der einflussreichsten Männer im deutschen Kunstleben. Bei seinem zweiten Mainzer Aufenthalt als Diplomat (1743 – 45) schuf er seine ersten Radierungen und ging vor die Tore der Stadt, um „nach der Natur“ zu zeichnen. Das war insofern ungewöhnlich, da man sowohl angehenden Künstlern als auch den Dilettanten eigentlich dringend empfahl, sie sollten zunächst nach bewährten Vorlagen kopieren lernen und sich allenfalls als erfahrener Meister direkt vor das Motiv begeben.

 

Sind das die ältesten Beispiele in Ihrer Sammlung?

Der früheste Mainzer Dilettant, über den wir etwas wissen, war der erste Fürst des Reiches neben dem Kaiser: Es war Kurfürst und Erzbischof Wolfgang aus dem Geschlecht der Kämmerer von Worms, genannt von Dalberg (gestorben 1601). Das Inventar einer Mainzer Gemälde­sammlung des 18. Jahrhunderts erwähnt ein verschollenes Marienbild, das er gemalt hat. ln unserem Schaudepot ist übrigens Wolfgang von Dalbergs Tintenfass ausgestellt, in das er seine Feder vielleicht auch zum Zeichnen getaucht hat.

 

Also waren auch Kurfürsten Dilettanten?

Ja, Carl Theodor von Dalberg war ein Dilettant, der letzte, der 1802 die Mainzer Kurfürstenwürde erhielt. Er ist ein entfernter Verwandter vom bereits erwähnten Erzbischof Wolfgang von Dalberg. Schon als 12-jähriger soll er sich an einem Selbstporträt geübt haben, das er dann auch radierte. Außer seinen Landschaftsradierungen können wir auch ein kleines Gemälde mit dem „Verlorenen Sohn“ von ihm zeigen. Dalberg schenkte übrigens Friedrich Schiller und seiner Frau Charlotte von Lengenfeld zur Hochzeit eine selbst entworfene und gemalte Allegorie der Liebe. Und Carl Theodor von Dalberg äußerte sich über sein eigenes Dilettieren: „Mein Mahlerstümpern ist mir sonst ausruhen und hintändeln einiger Nebenstunden“ schreibt er auf das Hochzeitsgeschenk für die Schillers und ergänzt unausgesprochen: „Dies ist ein Zeichen der Freundschaft“. Auch der junge Dalberg besuchte Jean-George Will in Paris und der widmete ihm einen seiner Stiche…

 

Wie kommt es, dass ausgerechnet Mainz wie eine Hochburg der Dilettanten erscheint?

Eine wichtige Voraussetzung für das Dilettantentum war in Mainz vorhanden: reichlich Adlige oder Geistliche, die über die notwendige Zeit und die finanziellen Mittel verfügten, um sich den schönen Künsten zu widmen. 

Nehmen wir den Mönch Suitbert Moeden. Glücklicherweise hat er einige seiner Arbeiten signiert, sodass sie leicht zuzuordnen sind. Ansonsten wissen wir, dass er aus Koblenz stammt und in der Kartause in Mainz gelebt hat. Und die Kartäuser müssen gemäß ihrer Ordensregeln auch einer Handarbeit nachgehen. Sie haben also nicht nur den Garten bestellt, sondern viele Mönche haben geschnitzt oder gedrechselt und Suitbert Moeden hat gezeichnet. Wir zeigen ein Blatt von ihm, da denkt jeder zuerst, es sei ein Kupferstich, aber es ist tatsächlich gezeichnet. In wochen- oder monatelanger minuziöser Detailarbeit hat der Mönch ein Bild gezeichnet in der Art eines Kupferstichs. Das ist schon sehr speziell und auch beeindruckend. 

 

Ist das Kopieren denn typisch für die Dilettanten?

Absolut, fast jeder Dilettant hat ein Vorbild, da er meistens nichts aus dem eigenen Kopf heraus entstehen lässt, sondern vornehmlich Werke berühmter Meister kopiert. Manchmal sind es künstlerische Vorbilder, manchmal wird auch nur der Stil kopiert oder es wird, wie bei Moeden, ein Kupferstich als Vorlage genommen und detailgetreu nachgemalt. Moeden hat sich dafür übrigens eine berühmte Vorlage ausgewählt, ein Gemälde von Jacopo Tintoretto aus Venedig in der Scuola San Rocco, das viele Reisende kennen und schon im Original gesehen haben.

 

War Mainz denn eine bedeutende Hochburg?

Sagen wir mal so, Mainz ist ein typisches Beispiel dafür, wie sich der Dilettantismus damals in Europa an vielen Orten entwickelt hat und zwar überall dort, wo ein großer Teil der Gesellschaft adlig, geistlich und wohlhabend war. Sie mussten allerdings auch über eine gewisse Bildung verfügen. Interessanterweise hat die Akademie der bildenden Künste, die 1757 in Mainz gegründet wurde, schon ab 1773 Zeichenkurse angeboten. Da konnten alle Mainzerinnen und Mainzer unabhängig von Beruf und Stand einen Kurs belegen. Also im Grunde war das wie eine Art Volkshochschule, gegen Gebühr natürlich. So konnte man von Berufskünstlern lernen, wie man zeichnet und malt. Es gab auch damals schon reichlich Bücher mit detaillierten Anleitungen für Dilettanten. Das zeigt ganz deutlich, dass einerseits das Bedürfnis da war, dass aber auch der Markt mit seinen Möglichkeiten darauf reagiert hat.

 

 

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