Exklusive Leseprobe


© Nicole Weisheit Zenz

Auf soziale Werte und Wohlbefinden bedacht

Die Alltagsbegleiter stehen bei Aufgaben zur Seite und sorgen für Abwechslung

 

„Ihr Wohlbefinden liegt uns am Herzen“, diesen Leitsatz haben die „Alltagsbegleiter“ gewählt. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit entsprechendem Bedarf zu betreuen und mit dem zu versorgen, was sie in ihrer Situation benötigen. Im ambulanten Bereich schließen sie damit eine wichtige Lücke und bieten Entlastung. „Wir sorgen für Abwechslung im Alltag und helfen, alle Aufgaben unbeschwert zu bewältigen“: So lautet der Anspruch des sozialen Unternehmens, das auch in Mainz einen Standort hat. Im Ortskern von Gonsenheim, in der Mainzer Straße am Rathaus, befindet sich das ebenerdig erreichbare Büro. Drei Mitarbeiterinnen sind hier vor Ort tätig, 25 Alltagsbegleiterinnen und Alltagsbegleiter im ambulanten Außendienst. Die Leitung liegt seit 2019 in den Händen von Klaus Drach. 

 

Von Nicole Weisheit-Zenz

 

„Es ist ein Comeback für mich“, strahlt Klaus Drach. In Gonsenheim ist er aufgewachsen, sein Elternhaus steht nicht weit entfernt und im benachbarten „Rheinhessendom“ war er früher in seiner Freizeit als Messdiener aktiv. Doch nicht nur geographisch sei es eine Rückkehr, betont Klaus Drach, sondern auch mit Blick auf Wertvorstellungen: Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft. Das Gefühl, im Beruf etwas Sinnhaftes zu tun, Gutes zu bewirken, eigene Erfahrungen einzubringen und Neues dazuzulernen. Von der Ausbildung her Diplom-Sportlehrer und Werbekaufmann, war er in der Region und darüber hinaus ein bekannter Fußballmanager. Eine glückliche Fügung habe er als Chance genutzt, sich aus dieser ganz eigenen Welt auszuklinken, berichtet er: „Viele überlegen zwar, etwas an ihrer Situation zu ändern, doch dann tun sie es meist doch nicht“, ist er sich sicher. Spürbar froh ist er, mit über 50 einen Neustart gewagt zu haben, nun selbstbestimmter agieren zu können. Und – in der gesellschaftlichen Bandbreite – nah an den Menschen zu sein. 

Das beginnt schon bei Passanten, die im Vorübergehen winken oder einfach mal reinschauen. Faltblätter liegen aus und sind zum Mitnehmen gedacht: für den Fall, dass man selbst auf die Unterstützung zurückkommen oder diese weiterempfehlen möchte. Die Alltagsbegleiter bieten Hilfestellung bei täglichen Erledigungen: Mahlzeiten werden vor- und zubereitet, natürlich auch gern gemeinsam. Zudem sorgen sie für eine saubere, aufgeräumte Umgebung. Für nicht wenige Menschen, egal in welchem Alter, ist dies eine Herausforderung, die sie alleine kaum bewältigen können. Auch Seniorenumzüge zählen mit dazu. Neben vielen praktischen Erledigungen spielt auch die Begleitung eine große Rolle, ob zum Arzt, in die Apotheke oder bei Aktivitäten. Ins Kaufhaus, ins Museum oder zum Spaziergang im Park kommen die Alltagsbegleiter mit.

 

In seinem Gonsenheimer Alltagsbegleiter-Büro koordiniert Klaus Drach die täglichen Einsätze seines Teams.
© Nicole Weisheit Zenz

Sie folgen dabei keinen eng getakteten Vorgaben, sondern nehmen sich bewusst Zeit. Denn sie möchten dabei auch Zuhörer und Gesprächspartner sein, wenn es um Schönes und Schweres geht im Leben der Menschen, um die sie sich kümmern. „Bei all dem verstehen wir uns als gute Ergänzung zum Ehrenamt“, betont Klaus Drach. Dass sich einige in der Freizeit um andere kümmern, rechnet er hoch an. Doch so umfassende Dienstleistungen, die oft kurzfristig benötigt werden, könne man allein in Form von Nachbarschaftshilfe kaum leisten. Sein Rat: „Einfach mal Kontakt aufnehmen, sich über unsere Angebote zur Unterstützung informieren – nicht erst dann, wenn der Leidensdruck als Betroffener und die Verzweiflung der Angehörigen sehr groß ist.“ 

Die demographische Entwicklung ist bekannt: Menschen werden immer älter, es gibt weit mehr dementiell Erkrankte als früher. Die meisten möchten allerdings so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben, selbst wenn sie allein leben, und nicht in einer Einrichtung betreut werden. Erwachsene Kinder wohnen jedoch oft nicht in der Nähe, sind zudem ausgelastet mit Beruf, Familie und eigenen Interessen. Auch ein guter Kontakt zueinander ist längst nicht selbstverständlich, weiß Klaus Drach. Hier setzen die Alltagsbegleiter an, die von ihren Klienten angefragt werden, von deren Angehörigen oder auch von zuständigen Ämtern. Großer Wert wird daher auf die gute Zusammenarbeit mit der Stadt und den Pflegestützpunkten gelegt. Oft kann direkt mit den Kranken- und Pflegekassen abgerechnet werden. Klaus Drach schätzt es realistisch ein: „Man wird in dieser Branche kein Millionär.“ Doch Ehrensache ist es für ihn, bei den Erstgesprächen vor Ort zu sein, zum gegenseitigen Kennenlernen, um den Bedarf zu ermitteln. 

Danach wird gut überlegt, welcher Mitarbeiter oder welche Mitarbeiterin passen würde, mit Blick auf die jeweiligen Charaktere und Aufgaben. Zum Team von mehr als 20 Personen zählen Fachkräfte wie Haushaltshilfen, Arzthelferinnen, Erzieherinnen. Sie bringen eine Qualifikation zum Alltagsbegleiter mit; nicht wenige haben beruflich oder privat Erfahrung in der Pflege gesammelt. Entscheidend, so Klaus Drach, ist für ihn, dass sie engagiert und verlässlich sind, „das Herz am rechten Fleck haben“. Neben finanzieller Anerkennung, Schulung und Supervision möchte er ihnen Arbeitsmodelle bieten, die sich nach den eigenen freien Kapazitäten richten. 

Ob beim Schreiben von Einkaufslisten oder Ausfüllen von Anträgen – die Alltagsbegleiter helfen gerne und mit Geduld, wo es nötig ist.

© Nicole Weisheit Zenz

 

Statt starrer Vorgaben können die Mitarbeitenden mitreden, wie viel Zeit sie einbringen möchten und an welchen Tagen. So wie Eva-Maria Hanschke, die drei Mal in der Woche bei einer Seniorin in der Mainzer Innenstadt vorbeischaut. „Ich freu mich immer, wenn sie kommt“, sagt die 76-jährige Marianne. Von Anfang an habe sie einen guten Draht zu der jungen Frau gehabt, die ihr einfühlsam und freundlich zur Seite steht. „Für uns ist das eine spürbare Erleichterung, wir wissen sie nun in guten Händen“, sagt ihr Sohn, der sie so oft wie möglich besucht. Nach dem Klinikaufenthalt habe man überlegt, welche Unterstützung nötig ist, um tägliche Aufgaben zu meistern – die Alltagsbegleiter wurden hierfür empfohlen. Gerade dann, wenn vieles alleine schwerfällt, der sprichwörtliche feste Boden unter den Füßen nicht mehr selbstverständlich ist, versuchen sie wieder Strukturen aufzubauen. „Dabei gibt es kein Standardprogramm“, beschreibt Eva-Maria Hanschke, „von Mal zu Mal schauen wir gemeinsam, was gerade dran ist.“ 

Es sind die scheinbaren Kleinigkeiten des Alltags: Mal ist ein Antrag auszufüllen, mal werden Hilfsmittel aus dem Sanitätshaus benötigt. Oder es fehlt ein Knopf an der Lieblingsbluse und es soll in Geschäften nach passendem Ersatz gesucht werden. „Dinge, um die sonst ständig ihre Gedanken kreisen würden“, beschreibt der Sohn. Was seiner Mutter hilft sind kleine Checklisten: Was wird gebraucht und gewünscht? Was machen wir zuerst? Allein würde sie sich unterwegs kaum noch zurechtfinden. Doch mit ihrer Alltagsbegleiterin an der Seite ist es ein Vergnügen. Da wird daheim oder unterwegs auch viel gelacht, über Gott und die Welt geredet. Ähnlich wichtig ist der Austausch mit dem Sohn, worauf zu achten ist. Auch Klaus Drach behält die jeweilige gesundheitliche Situation im Blick: „Die Kundschaft wächst uns ans Herz“, sagt er und teilt die Freude darüber, wenn sich Lösungen finden, es aufwärts geht. „Wir sind auf Expansionskurs“, gibt er einen Ausblick, auch auf mögliche neue Standorte in Ingelheim, Bingen und Wiesbaden.  Seine Hoffnung ist, weiterhin verlässlich Dienstleistungen auf hohem Qualitätsstandard zu bieten und dabei, wie er betont, „den Überblick und den Spaß an der guten Sache zu behalten.“

 

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